Kurs Utila

Samstag, 11. Februar 2012 15:35

Datum: 11. Februar 2012
Position: 12°43,5′ N, 081°08,6′ W, an Bord Johann Smidt
Etmal: -
Wetter: k.A.
geschrieben von: Jan Henke

Liebe Leser, nach einem aufregenden und zum Ende hin ausgesprochen spontanen Landaufenthalt sind wir wieder heil an Bord. Heute, am 11.02.12 um 15 Uhr UTC befinden wir uns ganz in der Nähe der zu Kolumbien gehörenden Isla de San Adrés querab von Puert Cabezas in Nicaragua auf 12°43,5′ N und 81°08,6′ W. Wir laufen mit fast 8 Knoten (leider unter Maschine) einen Kurs von 340°, damit wir trotz fehlendem Wind am 15. Februar auf Utila in Honduras ankommen. Am 16. sollen dort die Tauchkurse beginnen. Aufgrund indigenen Widerstands gegen die zweitgrößte Kupfermine der Welt, ein 5-Milliarden-Dollar-Projekt, das unter Missachtung von Menschen- und Besitzrechten im Territorium der Ngöbe-Buglé in Panama geplant und z.T. bereits in Betrieb ist, konnten wir nicht wie geplant von Davíd im Westen Panamas zurück nach Colón an der Karibikküste. Die Ngöbe haben, um ihrem seit inzwischen rund 30 Jahren andauernden und im letzten Jahr als Reaktion auf Brutalität und Rücksichtslosigkeit des neuen Präsidenten, Herrn Martinelli, verstärkten Widerstand Nachdruck zu verleihen, alle entscheidenden Straßen Panamas blockiert und dabei Unterstützung der LKW-Fahrergewerkschaft, der Lehrer, der durch ähnliche Kämpfe im Osten des Landes berühmt gewordenen Bauarbeitergewerkschaft SUNTRACS und vieler anderer bekommen. Die Ngöbe machen rund 15% der Bevölkerung Panamas aus.

Deren Territorium -  in Nordamerika würde man Reservat sagen, hier ist es eine “Comarca”, eine Art Bundesland - ist mit Abstand das größte indigene Territorium Panamas. Dieses Land zugesprochen zu bekommen, hat ebenfalls einen mehrere Jahrzehnte langen Kampf der “Consejos”, der indigenen Räte mit diversen Regierungen bis in die 1970er Jahre hinein bedeutet. Die Kupfermine und diverse andere, bereits an fast immer ausländische Konsortien vergebene Bergbaukonzessionen haben schon den Tod vieler Ngöbe bedeutet. Aufgrund mit Quecksilber vergifteter Flüsse, aufgrund von Bulldozern in Dörfern und nicht zuletzt aufgrund von Schusswaffen, die von Polizei und privaten “Sicherheitskräften” gegen unbewaffnete Menschen und sogar Familien in ihren Häusern eingesetzt wurden.

Für uns war es sehr eindrücklich, diese Situation “live und direkt” mitzuerleben, und nicht wie sonst aus dem fernen Europa in den Nachrichten oder als Geschichtslektion aus Büchern. Während wir im Hostel Bambu in David waren, gab es viele andere von den Straßensperren betroffene Reisende, stündlich gab es neue Bilder von der Situation an den Blockaden auf der Panamericana, und durch gute Kontakte, viel Improvisation und Glück haben wir es zumindest noch rechtzeitig geschafft, den “Rückzug” nach Costa Rica anzutreten, wo wir gerade drei Tage vorher hergekommen waren. Am Morgen nach unserem dritten Stempel an der Grenze ist der einzige offizielle, für uns noch erreichbare Grenzübergang tatsächlich auch geschlossen worden. Ansonsten hätten wir es als Gruppe vermutlich bis heute nicht geschafft, da “raus” zu kommen. Einzelreisende hätten möglicherweise auf Flugzeuge ausweichen können, was aber für uns aufgrund der Gruppengröße und unseres vielen Gepäcks weder machbar noch bezahlbar gewesen wäre. Da auch ein Treffen mit der “Johnny” in Bocas del Toro, im Westen unmöglich war, haben wir somit nicht nur planerisches Glück gehabt, sondern auch durchaus Geschick bewiesen. Hier auch noch einmal ein nicht deutlicher zu unterstreichendes Riesendankeschön an Esther, Kaj, Ralf und André und Dario, unseren österreichisch-costaricanischen Führer, der nur aus aufenthaltsrechtlichen Gründen mit uns nach Panama gekommen ist und direkt mit eingespannt wurde. Ohne Euch fünf hätte ich den Tag so nicht hinbekommen, oder zumindest dabei den Rest meines ohnehin schon schütteren Haars verloren! Vielen, vielen Dank an mein tolles Team! Dario hat so witzigerweise sogar mit uns den “Lift” nach Longo Mai zurück bekommen, wo er gerade ein Haus baut und bleiben will.

Schlussendlich zurück in Costa Rica haben wir unser “Refugee Camp”, wie schon in Panama aufgrund der Zelte im Garten des Hostels gewitzelt wurde, für zwei Nächte in den Rancho von Longo Mai verlegt.Von dort konnten wir etwas präziser planen, haben das Beste aus der Situation gemacht und eine Nacht auf dem Cerro de la Muerte, dem Gipfel und Pass des Todes auf dem Weg nach San José verbracht, auf 3.200 Metern ü.N. bei 3°C des nachts furchtbar gefroren, aber dafür den traumhaften immergrünen Bergnebelwald besuchen können. Der wird hier auch Bosque de hadas, Feenwald genannt wegen der vielen Moose, Flechten und sonstigen “Bärte”, die von den Bäumen hängen, Farnen, die ihrerseits auf gigantischen Baumfarnen wachsen und nicht zuletzt wegen des berühmten Quetzals, des guatemaltekischen Nationalvogels, der hier in der costaricanischen Zentralkordillere seine letzten, großen Lebensräume hat.

In dieser Region wurden auch Teile von Star Wars auf dem Mond Endor (da wo die kleinen, pelzigen Ewoks in Siedlungen auf Bäumen leben) gedreht. So kann sich der geneigte Leser vielleicht auch ohne einen Baumfarn vor Augen zu haben vorstellen, wie es dort aussah… Nach der kalten Nacht, einem hervorragenden “Tico”-Frühstück mit Gallo Pinto, Rührei, sourcream-artiger “Natilla”, gebratenen Bananen, frischen Säften und vielem mehr wurden wir wieder einmal von unserem zuverlässigen Freund und Busfahrer Enrique Alfaro abgeholt und schliesslich diagonal durch das ganze Land bis nach Puerto Limón an der Karibikküste gebracht. Abgesehen vom luxuriösesten Mittagsbuffet, was “HighSeas” jemals erlebt hat (Spontaneität machts möglich!) verlief die Fahrt recht ereignislos für die meisten ausser mir. Ein kleiner, unbeabsichtiger Umweg Enriques in San José führte uns durch meine alte Nachbarschaft, was mich wegen des Mangels an Zeit für einen Besuch bei meinen Freunden und ehemaligen Gasteltern  - ich habe 2006 gut vier Monate dort im Stadtteil Moravia verbracht - ziemlich trübe gestimmt hat.

An der Karibik angekommen stellte sich unser unterwegs per Telefon gefundenes Hotel als vergleichsweise komfortabel heraus. Doppelzimmer mit eigenem Bad und Ventilator, Chop Suey im chinesischen Restaurant im Erdgeschoß, sowie ein kurzer Landgang bis 20.00 schlossen den Tag ab. Leider stellte sich am nächsten Tag heraus, dass die Johnny nicht wie besprochen umgehend aus Colon auslaufen konnte, weil der ablösende Maschinist paradoxerweise wegen eines Maschinenschadens - allerdings am Flugzeug bereits in Deutschland - erst 24 Stunden später in Panama ankommen sollte. Freundlicherweise hat jedoch die abgebende Stammcrew noch selber die Verproviantierung übernomen und sich um Details wie die Abholung der frischgewaschenen Bettwäsche gekümmert. So konnte das Schiff dann ohne weiteren Zeitverlust am 7.2. morgens ausklarieren und schon rund 30 Stunden und 180 Seemeilen später in Limon einklarieren.

Nach einigem Zuständigkeits-Hin und -Her mit Schiffsagenten und Behörden waren auch in Puerto Limón bald die Formalitäten geregelt, und wir konnten noch am 8.2. abends auslaufen. Mittlerweile haben wir, wie oben gesagt die kolumbianischen Inseln San Andrés und Provedencia auf Höhe von Puerto Cabezas in Nicaragua passiert und planen, morgen früh nach dem Erreichen des Cabo Gracias a Dios, der Nordostecke von Honduras endlich Segel zu setzen und die letzten 350 Meilen nach Westen mit Windkraft zurückzulegen. Ankunft auf Utila soll wie geplant am 15.2. nachmittags sein. Mit herzlichen Grüßen von Bord,
Jan Henke Oltmanns

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Endlich wieder Schule auf See

Freitag, 10. Februar 2012 21:58

Datum: 10. Februar 2012
Position: 13°11´527´´N 081°24´515´´W
Wetter: Luft 27°C, Wasser: 27°C, Wind NNE, 2-3, blauer Himmel/bewölkt
Etmal: 106,85 nM
geschrieben von: Paul Jankuhn

Heute begann mein Tag mal außergewöhnlich unbequem, denn ich wachte um 4:30 Uhr im Seegarten auf, auf dem Boden und zwischen den Taschen für die Last, die in Müllsäcken verpackt waren. Erst war mir nur kalt und ich deckte mich mit Müllsäcken, ohne Inhalt, zu. Etwa eine Viertelstunde später wachte ich erneut auf, da im Wellengang eine auf dem Tisch stehende Tasche auf mich geschleudert wurde. Mit Kopfschmerzen stand ich auf, ging nach unten und legte mich in meine, noch mit Taschen aus der Last vollgestopfte, Koje Nr. 15. Als ich zum Frühstück geweckt wurde, verspürte ich zu meiner Verwunderung nur Kopf- und keine Rückenschmerzen. Diese kurierte ich aber auch wieder schnell mit Aspirin. Das Zeug hilft echt immer. Wie gewohnt gab es etwas Brot, das wirklich nicht nach meinem Geschmack ist. Brot bekommt hier eigentlich keiner lecker hin, finde ich, außer Alina. Na ja, etwas “Leprawurst” (Leberwurst) und Senf drauf, das überdeckt dann den Geschmack des hauptsächlichen Magenfüllers.

Nach einer kleinen Pause, in der die Backschaft abbackte, begann unser erster Unterricht zwischen Limón und Utila, mit Mathematik bei Ralf. Zu Hause bin ich zwar nicht gut im Mathe, aber das, was wir bei Ralf machen, habe ich schon von vor einem Jahr gehabt, und trotzdem muss es einigen leider noch dreimal erklärt werden. Mit einem für Ralf zufriedenstellenden Ergebnis, auf zwei Wegen die p-q-Formel herzuleiten und zu lösen, endete die erste Schulstunde. Direkt im Anschluss folgte eine Deutschstunde bei André, in der wir das sich nicht reimende Gedicht “Fragen eines lesenden Arbeiters” von Bertolt Brecht erst in die richtige Reihenfolge bringen sollten (er hatte es extra für uns durcheinander gewürfelt). Anschließend diskutierten wir, was er mit dem Gedicht ausdrücken wollte und welche politische Haltung dahintersteht. Unsere “Haus”-aufgaben bestanden darin, selbst ein Gedicht in der gleichen Art zu schreiben (Parallelgedicht). Unkonzentriert, wie immer nach der zweiten Stunde, schlitterten wir in eine Erdkunde-/Geschichtsstunde bei “Elster” (Esther). Heute beschäftigten wir uns mit dem Schachbrettmuster der Kolonialstädte. Schnell Vor- und Nachteile analysiert und mal eben eine Stadt entworfen, mit Rathaus, Gerichtssaal, Indigenen, Ober-, Mittel- und Unterschicht. Und schon war die Stunde um. (Och, wie schade!)

Zu guter Letzt war Kaj dran mit der ersten Englischstunde, die wir überhaupt an Bord hatten. Wir beschäftigten uns mit “The old Man and the Sea” und fingen an, es zu lesen, kamen aber nicht weiter als zu den ersten zwei Seiten - im Gegensatz zu Melvin, der es in der Stunde zu Dreiviertel durchlas. In der 20-minütigen Pause ging ich an Deck, legte mich auf die Segelsäcke und schlief prompt in der Sonne ein. Während des Essens wachte ich oben auf und ging runter. Nachdem ich mich entschuldigte, dass ich zu spät kam, setzte ich mich und bekam gerade noch, nachdem mir dreimal der Spruch: “Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben” reingedrückt wurde, einen Teller mit Nudeln und Soße ab. Zum Glück hatte die Backschaft nicht genug gekocht und musste eh nachkochen. Also konnten wir alle noch einen Nachschlag haben. Direkt nach dem Essen durften wir meine heutige Schlafstätte, den Seegarten, ausräumen und die Gepäckstücke in die Last bringen. Den Rest des Tages hatten wir frei und ich hatte nichts Besseres zu tun, als gleich wieder auf den Segelsäcken einzuschlafen. Als es anfing, etwas ungemütlich zu werden – es nieselte - wachte ich mit einem Anflug von Sonnenbrand und einem leichten Sonnenstich auf. Am Abend gab es dann dasselbe wie am Morgen. So endete mein Tag, wie er begonnen hatte, mit Kopfschmerzen. Jetzt gab es nur noch eine Herausforderung: Neben der dauer-rödelnden Klimaanlage einzuschlafen. Alles Gute
Paul Jankuhn

P.S.: Ich grüße besonders Crina Magdalena Zaharia, Klaas Janssen, Jan Cordes und Oliver Maik Kellert

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